Die höchsten Stickoxid-Werte in Hessen hat Alsfeld


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"Die einzige Lösung ist eine Ortsumgehung"


ALSFELD - Die höchsten Stickoxid-Werte in Hessen hat Alsfeld. Das haben Messungen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) auf Initiative der "Deutschen Umwelthilfe" ergeben. Mit einem gemessenen Wert von 53,5 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft zwischen Ludgwigsplatz und Schellengasse liegt Alsfeld noch vor den Städten Wiesbaden, Marburg und Frankfurt. Der gesetzliche Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm, informierte Gerhard Kaminski vom örtlichen VCD auf Anfrage.

 


PhotoDie Einmündung Marburger Straße bis zur Post ist laut Bürgermeister Paule (Bild rechts im Interview mit dem HR) der am meisten belasteste Abschnitt.

Gemessen wurde an zwei Messstellen. Zum einen an der Alicestraße (27 Mikrogramm) und zum anderen an der Ecke Schellengasse/Ludwigsplatz (53,5). "Die Werte überraschen uns nicht", sagte Bürgermeister Stephan Paule (CDU) am Donnerstagmorgen auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Als hauptsächliche Ursache machte er den Schwerlastverkehr für die hohen Werte verantwortlich.

 

"Unser Ziel muss lauten ...

Der Durchgangsschwerverkehr muss raus aus Alsfeld", sagte Paule. Einzige sinnvolle Lösung für ihn: eine Umgehungsstraße.


Fotos | Christian Dickel / Krämer


Früher habe es immer geheißen, dass es dafür die Autobahn gebe, jedoch sei diese mittlerweile zu oft verstopft. Etwa 1.000 Lkw würden sich täglich von Marburg über die Bundesstraße 62 nach Alsfeld wälzen, weil dort kein Autobahnanschluss bestehe. Zudem würde sich bei Stau auf der Autobahn der Verkehr über die Bundesstraßen 62 und 49 durch das Stadtgebiet bewegen. Hinzu komme seit Einführung der Lkw-Maut der Vermeidungsverkehr, der Bundes- und Landesstraßen nutze. Darüber hinaus suchten aufgrund der beiden Autobahnausfahrten Lkw in den Abendstunden Parkplätze und. hielten im Stadtgebiet danach Ausschau. "All das macht diesen Verkehrsschwerpunkt besonders dramatisch", hob der Rathauschef hervor. Weil Alsfeld laut Paule weder ein Oberzentrum noch eine kreisfreie Stadt ist, bestehe ein Zuständigkeitsgemisch: Das seien die Verkehrsbehörden des Kreises, Hessen Mobil und die Stadt Alsfeld als örtliche Ordnungsbehörde.

PhotoBürgermeister Paule


In vergleichbar großen Städten wie Rotenburg an der Fulda oder Butzbach sei vor Jahren der Schwerverkehr aus den Ortskernen nach draußen verlagert worden. In größeren Städten wie Gießen gebe es sogar Stadtautobahnen. Er könne es zwar nicht empirisch beweisen, schätze aber, dass der Durchgangsverkehr in Alsfeld hessenweit einzigartig sei. Wenn überhaupt sei das Verkehrsaufkommen mit kleineren Kommunen entlang der Bundesstraße 3 zwischen Marburg und Kassel vergleichbar, weil dort ebenfalls über 1.000 Lkw pro Tag unterwegs seien. Dort werde die Lückenschließung mit dem Bau der A 49 Abhilfe schaffen. "In ganz Hessen gibt es kaum noch Städte, in denen derart viel Schwerverkehr durch den Stadtkern geleitet wird", sagte Paule.

 

Um die Situation in Alsfeld zu verbessern gibt es laut dem Bürgermeister bereits ein großes Maßnahmenbündel. Im Jahr 2014 sei gemeinsam mit Hessen Mobil die Ampelschaltung optimiert worden. Jedoch sei der Erfolg aufgrund der enormen Anzahl an Fahrzeugen gering. Die Stadt habe Carsharing eingeführt und E-Ladesäulen installiert - weitere sollen im Jahresverlauf folgen. Zudem wurde der kommunal finanzierten Stadtbus eingerichtet und die Stadt habe am Lärmaktionsplan des Landes Hessen teilgenommen. Das seien allerdings alles nur begleitende "kosmetische" Maßnahmen, so Paule. Aktuell befinde sich Tempo 30 für Lkw von 22 bis 6 Uhr entlang der Bundesstraßen in Umsetzung. Wie der Bürgermeister erklärte, arbeite Hessen Mobil gerade an der Autobahn 5, um den Standstreifen für Lkw freigeben zu können. Dadurch könnten weniger Staus entstehen, was sich positiv auf den Durchgangsverkehr in der Stadt auswirken werde. Die Einführung der Lkw-Maut auf den Bundesstraßen durch den Bund, werde ebenfalls dafür sorgen, dass mehr Schwerlast auf den Autobahnen bleibe. Außerdem wolle die Stadt versuchen, Lkw-Fahrverbote auf bestimmten Kreisstraßen durchsetzen. Bei Bundesstraßen halte er ein Fahrverbot für aussichtslos.

 

Im Haushalt stehen laut Paule für dieses Jahr 184.000 Euro für einen neuen Generalverkehrswegeplan zur Verfügung. Seit den frühen 80er Jahren habe es Überlegungen gegeben, die aber nie über lose Pläne hinausgegangen seien, den Verkehr, um Alsfeld herum zu führen. Den letzten Anlauf für einen solchen Plan habe es 1984 gegeben, der jedoch niemals beschlossen worden sei. "Die einzige Lösung ist eine Ortsumgehung", wiederholte das Stadtoberhaupt. Dazu könne es in einem beschleunigten Verfahren aber erst in wenigen Jahrzehnten kommen. Beispielsweise Lauterbach, aber auch Reiskirchen würden derzeit Umgehungsstraßen planen, obwohl sie deutlich geringer mit Schwerverkehr belastet seien als Alsfeld. Kurzfristig hoffte der Bürgermeister, dass sich der Bund für mehr Lkw-Parkplätze entlang der Autobahn 5 einsetzt, denn der Parkverkehr sei ohnehin in der Stadt ein bekanntes Problem. Aufgrund der neuen Messewerte gebe es gute Argumente, um über große verkehrspolitische Maßnahmen nachzudenken.

 

Auf wiederholte Nachfrage machte der Rathauschef deutlich, dass er über die Validität der Messungen nichts sagen könne. Das sei alles auf Eigeninitiative des BUND und des VCD geschehen. Jedoch gebe es ein grundlegendes Problem. Ganz egal ob Kohlenstoffdioxid (CO₂), Stickoxid (NO₂), Diesel-Ruß, Feinstaub, Stau oder Lärm. Das seien alles Symptome durch die Belastung des Durchgangschwerverkehrs. Das Problem sei in Alsfeld bereits seit über 30 Jahren bekannt. Alle zuständigen Behörden müssten gemeinsam Arbeiten, um die Situation zu entschärfen. Auch der kürzlich erneut diskutierte Ausbau der Schienenverbindung habe zwar nichts mit dem Schwerlastverkehr zu tun, sei aber eine wichtige verkehrspolitische Maßnahme, die zum Themenkomplex gehöre.

 

Übrigens: Zu Beginn seiner Ausführungen bezog Paule zum Thema Diesel-Fahrverbot Stellung. Für Alsfelder Unternehmen, die ins Rhein-Main-Gebiet pendeln, sei weiterhin der Diesel die wirtschaftlichste und umweltfreundlichste Alternative. Es gebe schließlich auch andere Abgase. Die besondere Situation mit langen Fahrstrecken der Alsfelder Gewerbetreibenden müsse besonders berücksichtigt werde.

 

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Zweifel an Messungen

Alsfeld (cdc/dpa) - Den hessenweit höchsten Stickoxid-Wert hat ein Messpunkt in der Alsfelder Schellengasse ergeben: 53,5 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. An dem Messpunkt Alicestraße wurden gut 27 Mikrogramm detektiert, berichtet der BUND und der VCD in einer Pressemeldung. Für die Verbände steht fest, dass Maßnahmen zur Luftreinhaltung auch in Alsfeld umgesetzt werden müssen. "Dass die Umweltverbände die Messungen durchführen, um die Luftqualität zu überprüfen, ist ein ungewöhnlicher Sachverhalt. Wir fordern behördliche Messungen, die aussagekräftig sind und dazu beitragen die Diskussion zu versachlichen", fordert Wolfgang Dennhöfer vom BUND. Die für die Alsfelder Röhrchen verantwortlichen Mira Aretz und Philipp Balles seien überrascht, dass die Röhrchen sich nicht mehr in ihrer Ausgangsposition befunden hätten. "Es war gut, die zwei Messpunkte zu betreuen und die Messung durch die Presse begleiten zu lassen. Hat es doch wesentlich die Stickoxid-Diskussion in Alsfeld angeregt." zeigt sich Balles zufrieden. Weil drei Bundesstraßen unmittelbar durch Alsfeld führten sei zu erwarten gewesen, dass die Stickoxidwerte erhöht sind. "Behördliche Erhebungen müssen nun die eingeleiteten Messungen fortsetzen", fordert Aretz. Der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, machte am Donnerstag in Berlin deutlich, dass die Messaktion an 559 verkehrsnahen Orten von 1. Februar bis 1. März mit sogenannten Passivsammlern Städte mit hoher Belastung identifiziert habe, darunter Alsfeld. Auch die sehr detaillierten EU-Vorgaben dazu, wo amtlich gemessen werden müsse, habe die DUH nach eigenen Angaben nicht beachtet. "Natürlich hat unsere Messung überhaupt keine rechtliche Relevanz", hob Resch hervor.

 

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte der Pressesprecher im Hessischen Umweltministerium, Mischa Brüssel de Laskay: In Hessen sei das Umweltministerium für ein rechtskonforme Messung verantwortlich. Der Grenzwert sei ein Jahresmittelwert, daher könne eine Messung über vier Wochen keine Grenzwertüberschreitung darstellen. Deshalb müsse mindestens ein Jahr lang gemessen werden, um einen enstprechenden Mittelwert zu berechnen. Bisher habe es in Alsfeld aber noch keine behördliche Veranlassung gegeben, eine Messung zu veranlassen. "Es scheint laut unseren Daten nicht zu einer Grenzwertüberschreitung kommen zu können." Es gebe strenge Regularien, um überhaupt zu messen. In Alsfeld sei dafür etwa das Verkehrsaufkommen zu gering oder eine Kessellage gegeben. "Uns fehlen die Parameter, um die Messung von BUND und VCD überhaupt einschätzen zu können."

 

Zuständig für die Luftreinhaltung in Hessen ist Dr. Stefan Jacobi vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), das das Luftmessnetz in Hessen betreibt. "Wir müssen uns nach der europäischen Luftqualitätsrichtlinie richten, die in Deutschland in der 39. Bundesimmissions-Schutzverordnung niedergeschrieben ist", sagte er. Demnach komme Alsfeld laut Richtlinien für eine Messung nicht in Frage. Er könne sich aber vorstellen, falls die Stadt Alsfeld um eine Überprüfung bittet, tätig zu werden. Beim Vogelsbergkreis heißt es auf Anfrage: Sollte eine offizielle Messung, die von der Stadt Alsfeld in Auftrag zu geben wäre, überhöhte Werte erbringen, so wäre die Kreisverkehrsbehörde - aber dies nur für Bundesstraßen in Alsfeld - für mögliche Sperrungen beziehungsweise Anordnungen mit Geschwindigkeitsbegrenzungs-Schildern zuständig. Das könne jedoch nur in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium geschehen. Zielführender und nachhaltiger wäre - bei Vorliegen entsprechender verifizierter Daten - ein zwischen Land, Kreis und Stadt auszufertigender "Luftreinhalteplan", in dem dann möglicherweise ein Fahrverbot eine von mehreren Maßnahmen wäre.

PhotoPhilipp Balles beim Anbringen der Messröhrchen vor einigen Wochen. 


Bericht | Christian Dickel


 

 

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Pressemitteilung

03.06.2014 um 00:00 Uhr

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